Banknoten in Millionen - Notgeld in Milliarden

Dieser Eintrag stammt von Dr. Reinhold Bengelsdorf

Nach einem Gespräch mit Marianne Tacke, Jg. 1914

 


 

Mitte Mai 1923 und damit gegen Ende der Inflation rechneten wir beim täglichen Einkauf mit Millionen-Beträgen. Der wert unserer Mark sank von Tag zu Tag, und zwar so schnell, dass erhaltene Banknoten sogleich wieder ausgegeben werden mussten. Schon am nächsten Tag hatten sie nur einen Bruchteil des Vortagswertes. Münzen waren nicht mehr im Umlauf.

 

Ich hatte den Eindruck, dass die Reichsbank gar nicht so schnell neue Banknoten mit höheren Summen drucken und in allen Teilen Deutschlands ausgeben konnte, wie dies zur Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs erforderlich gewesen wäre.

 

Ich wohnte damals in Herford. Als im Oktober 1923 schon in Milliarden-Beträgen gerechnet wurde, gab die Kreissparkasse Herford eigene Banknoten heraus, so genanntes Notgeld.

Notgeld, ein Geldersatz, der in Krisenzeiten wegen eines Mangels an gesetzlichen Zahlungsmitteln von öffentlichen Körperschaften – wie z. B. der Kreissparkasse Herford – oder gar von größeren Privatunternehmen ausgegeben wurde, war keine Erfindung während der Inflationszeit. Stand früher einmal kein geeignetes Papier für den Notendruck zur Verfügung, waren auch schon Glas und Zelluloid und sogar Sperrholz als Geld gedruckt worden.

 

Im benachbarten Bielefeld waren im Ersten Weltkrieg Jute- und Seidenscheine im Umlauf. In Kriegsgefangenenlagern waren Leinenscheine hergestellt worden.

 

Von 1922 an war die Ausgabe von Notgeld in Deutschland generell verboten. Aber schon im Oktober 1923 wurden Ausnahmen zugelassen: Erlaubt wurde die Ausgabe von “wertbeständigem Notgeld”. Wobei mit Wertbeständigkeit nicht das Material des Geldes gemeint war, sondern die im Zeitablauf gleichbleibende Kaufkraft. Wäre es um die Wertbeständigkeit allein des Materials gegangen, so hätten die 1922 im Harz ausgegebenen Geldscheine aus Leder kaum übertroffen werden können.

 

War das von der Kreissparkasse Herford im Oktober 1923 in Umlauf gebrachte Geld nun tatsächlich so wertbeständig wie wir es dringend erwarteten? Leider erlebten wir, dass auch dieses Geld schon bald nichts mehr wert war. Im Oktober 1923 hatten rund 25 Milliarden Mark einen US Dollar ausgemacht. Im November 1923 – und damit nach nur einem einzigen weiteren Monat – waren 4,2 Billionen Mark der Gegenwert für einen US Dollar. Und dieser Wert entsprach dann der neu eingeführten Rentenmark.

Erläuterungen zur Inflation 1914 bis 1923

Dieser Eintrag stammt von Jasmin Timmann

Die Inflation 1914 bis 1923

Durch den Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 kam es zu einer Geldwertverschlechterung, d.h. die umlaufende Geldmenge vermehrte sich und die Kaufkraft sank.1918 erweiterte sich die Geldmenge nach der militärischen Niederlage nochmals. 1921 wurde die Höhe der alliierten Reparationsforderungen festgelegt, was die Inflation wiederum beschleunigte. 
Ihren Höhepunkt erreichte sie im November 1923 und die Ersparnisse zahlloser Familien waren vernichtet. Nun war das Vertrauen in den Staat verloren.

 

Die Inflation 1914 bis 1918

Um die staatlichen Goldvorräte zu erhalten wurde das Ermächtigungsgesetz aufgehoben. Reichsbanknoten, Privatbanknoten, Reichskassenscheine und Scheidemünzen wurden von nun an bei allen öffentlichen Kassen nicht mehr gegen Gold eingetauscht. Es wurde jetzt zu gelassen, dass das Reich Schuldverschreibungen und Kredite gewährte und somit Darlehnskassenscheine als Zahlungsmittel in Umlauf gab. Dies war der Weg der Regierung zur Staatsfinanzierung durch vermehrten Geldscheindruck!

 

1918 lag die umlaufende Geldmenge bei 33 Milliarden Mark, fünfmal mehr als beim Kriegsbeginn. Das Warenangebot war rückläufig und es kam zu stärkeren Preissteigerungen. Der Dollarkurs stieg unaufhaltsam. Die Lage verschärfte sich zusätzlich durch die 164 Milliarden Mark Kriegskosten. Die Folge von Schuldverschreibungen, Anleihen und Steuererhöhung war eine immense Staatsverschuldung.
Obwohl alle Münzstädten auf Hochtouren arbeiteten, führte die Mobilisierung zu einer Kleingeldknappheit. Städte, Gemeinden und Firmen gaben ihr eigenes Kleingeld um den Zahlungsverkehr zu erhalten. Weil Kupfer und Nickel knapp wurden, wurden Münzmengen aus Eisen, Zink und Aluminium produziert. Dies reichte nicht, und so wurden wieder Kleingeldersatzscheine hergestellt.

 

Die Inflation nach Kriegsende (1918 bis 1923)

Die Staatsschulden nahmen durch soziale Leistungen für die Kriegsopfer zu und außerdem wurden die Reparationsforderungen von den Alliierten mit dem Londoner Ultimatum durchgesetzt. Die Einnahmen aus Steuern, Zöllen und Abgaben reichten längst nicht. Der Devisenankauf lies den Kurs der deutschen Währung immer weiter abrutschen.
Ab 1922 wurden Scheine mit höherem Wert als 1000 Mark gedruckt, bis sie im November über 100 Billionen Mark hatten. 700 Trillionen Mark Notgeld wurde heraus gegeben und rund 524 Trillionen Mark von der Bank verausgabt. Die Löhne und Gehälter konnten dem Anstieg der Preise für Waren nicht folgen. Ersparnisse wurden vernichtet. Die Leute versuchten so schnell wie möglich ihr Bargeld in Sachwerte einzutauschen.
Gustav Stresemann bemühte sich um eine Stabilisierung der Währung. Es waren mehr als 2800 verschiedene Geldscheinsorten im Umlauf. Die Deutsche Rentenbank wurde zur Bekämpfung der Inflation verkündet. Am 15. November wurde der Dollarkurs auf 4,20 Rentenmark festgesetzt. Durch die Kredite konnten viele Unternehmer ihren Besitz erweitern und sie zahlten mit entwertetem Geld zurück und die Schulden lösten sich auf. Durch die Währungsumstellung am 15.11.23 beliefen sich auf gerade mal 16,4 Pfennig.

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