Erinnerungen eines Kriegsgefangenen

Von der Heimat war es einfacher, mir geheime Nachrichten ins Gefangenenlager zukommen zu lassen. Wenn mein Vater mir etwas Interessantes mitzuteilen hatte, schrieb er zwischen die Zeilen seiner üblichen Briefe mit einer Alaunlösung. In dem Brief selbst aber wurde in irgendeiner Verbindung das Wort “geheim” eingeflochten, z.B. “dem Herrn Geheimrat geht es gut”, dann wusste ich, dass in diesem Brief mit der vorläufig unerkennbaren Alaunlösung geschrieben worden war. An einem heißen Ofen oder über einer Flamme (man musste natürlich aufpassen, dass das Papier nicht zu brennen anfing) wurde der Brief erhitzt. Dadurch verkohlte die Alaunlösung und die Schrift wurde sichtbar. Ich bekam verschiedentlich derartige Briefe; besonders wertvoll waren solche Briefe, wenn sie Nachrichten enthielten, die Konteradmiral v. Reuter angingen, der 1919 die deutsche internierte Flotte in Scapa-Flow versenkte. Mein Vater war nämlich mit Frau v. Reuter in Wilhelmshaven in Verbindung getreten und hatte sich erboten, ihrem Manne auf dem genannten Wege Nachrichten zukommen zu lassen. Konteradmiral v. Reuter blieb nämlich monatelang ohne Nachrichten aus der Heimat.

 

Bekanntlich waren die Deutschen auf Grund der Waffenstillstandsbedingungen vom Herbst 1918 unter anderem gezwungen worden, die gesamte deutsche Flotte nach Scapa-Flow in Nordengland zu bringen. Eine schwache Besatzung blieb auf den Schiffen. Der Waffenstillstand war abgelaufen, ohne dass v. Reuter nähere Anweisungen aus der Heimat oder von den Engländern bekommen hatte. Eine Übergabe der Flotte an den Feind wollte der Admiral unter allen Umständen vermeiden. Nach vorheriger geheimer Vereinbarung mit den einzelnen Schiffskommandanten, gab v. Reuter am Tage des Ablaufs des Waffenstillstandes durch Flaggensignal Befehl, sämtliche Kriegsschiffe sofort zu versenken. Durch das Öffnen der Bodenventile liefen die Schiffe voll Wasser, kenterten teilweise oder sackten auf ebenem Kiel auf den Meeresgrund. Von den etwa 60 Kriegsschiffen versanken 57 vor den Augen der Engländer. Die deutschen Matrosen bestiegen die Rettungsboote, wurden aber von den Engländern entgegen aller Rechte heftig beschossen und teilweise auf die sinkenden Schiffe zurückgetrieben! Leider fielen feindlichen Kugeln noch etliche Offiziere und Mannschaften zum Opfer. – Wir Deutsche aber konnten stolz auf den verantwortungsvollen Konteradmiral v. Reuter sein, der durch die Versenkung der Schiffe verhinderte, dass die Millionenwerte unbeschadet in die Hände der Feinde fielen. – Im Laufe der folgenden Jahrzehnte haben die Engländer die Wracks gehoben und verschrottet.

 

Der Zusammenbruch der deutschen Front erfolgte im Herbst 1918. Unsere Truppen gaben die Stellungen auf der ganzen Linie in Nordfrankreich auf und zogen sich in östlicher Richtung zurück. Der Feind drängte nach. Die Kampfkraft war erschöpft. Die Ereignisse überstürzten sich, der Reichstag vermochte in der Heimat keine durchgreifende Regierung zu bilden. Wer wollte sich auch an ein zusammenbrechendes Gebäude wagen. Der Waffenstillstand wurde geschlossen, der Kaiser floh nach Holland. Revolution in Deutschland. Die Marine begann mit den Meutereien. Der Mob beherrschte die Straße. Von der Front zurückkehrenden Offizieren wurden ihrer Degen und Achselstücke beraubt. Viele von ihnen wurden gar verhaftet und ermordet. Nur wenige Truppen erreichten die Heimat in Marschordnung, angeführt von ihren Frontoffizieren. Ein Chaos, wohin man sah. Und das alles passierte in dem Deutschland, das einst das disziplinierteste Heer besaß! Mit großer Trauer und Gespanntheit verfolgten wir in England die Ereignisse. Wir konnten uns eine Republik Deutschland nicht vorstellen. Ein Schuhmachermeister Ebert wurde zum Präsidenten des neuen Deutschland ausgerufen! Wir konnten die Wahrheiten nicht glauben! Wie stand es um das Schicksal der deutschen Gefangenen?

 

Endlich, am 21. Oktober 1919, traf ein Telegramm ein, dass wir am 23. Oktober 1919 in Hull eintreffen mussten, um den bereitstehenden Dampfer “Herbert Horn” zu erreichen. Aufregung und Freude herrschte in unserem Lager. Unsere Koffer standen ja schon seit Wochen gepackt. – Gegen 3 Uhr in der Nacht zum 23. Oktober 1919 mussten wir zum Abmarsch antreten. Die Marine-Offiziere aus Scapa-Flow mussten zurückbleiben, für sie schwebte noch ein Kriegsgerichtsverfahren. Sie mussten noch einige Monate in England bleiben.

 

Am 25. Oktober trafen wir in Wilhelmshaven ein. Ein Torpedoboot kam uns zur Begrüßung entgegengefahren, und je näher wir dem Hafen kamen, desto lebhafter wurde es um uns herum. Kleine Motorfahrzeuge umkreisten uns und winkten freudig herüber. Sobald wir am Quai festgemacht hatten, durften wir von Bord. Kaum war ich an Land, wurde auch schon mein Name ausgerufen, und als ich mich meldete, wurde ich zu Frau Konteradmiral v. Reuter geführt, die mir kleinem Leutnant in Gegenwart der hohen Offiziere einen riesigen Blumenstrauß überreichte und mich zum Essen in ihr Haus bat.

 

Bis zum 28. Oktober mussten wir noch in Wilhelmshaven in Quarantäne bleiben, durften aber frei umherspazieren. Der Militär-Entlassungsschein wurde uns ausgehändigt; damit hatten wir die Berechtigung, den Soldatenrock endgültig abzulegen. Es war uns geraten worden, uns in Bremen möglichst nicht in Offiziersuniform in den Straßen zu bewegen, um eventuellen Anrempelungen seitens der Kommunisten aus dem Wege zu gehen.

 

Zu den Ereignissen besonderer Art zählte dann die Ankunft des Konteradmirals v. Reuter 1919.

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